Autonomie des Menschen im muslimischen Gedankengut

Die zweite Sitzung der Study Group on „Human Autonomy in Muslim Thought“ fand am 12. März 2009 an der ISMC-AKU in London statt. Professor Modjtaba Sadria, Moderator der Study Group, lenkte die Aufmerksamkeit auf das Ziel der Gruppe, nämlich diejenigen Grundelemente bzw. Eigenschaften aufzudecken, welche im Autonomiebegriff des muslimischen Gedankenguts enthalten sind.

Prof. Sadria sprach von zwei Prämissen, um das muslimische Gedankengut zu erforschen. Die erste beruht auf der Idee, dass ‚multiple modernities‘ möglich sind, während die zweite darauf hinweist, dass Elemente von Autonomie im muslimischen Gedankengut zwar existieren, aber nicht in einer artikulierten, kohärenten Form. Das Ziel der Gruppe ist es, diese Elemente der Autonomie des Menschen zu explorieren, analysieren und diskutieren, und zwar durch einen Blick auf menschliche Interaktionen, und die Beziehungen zwischen Mensch und Umgebung bzw. Gott.

Um sich an das Problem heranzutasten schlug Prof. Sadria vor, dass die Study Group einen exklusiven Fokus auf den Autonomiebegriff des westlichen Gedankenguts meidet, da dieser schon in der Gesellschaft artikuliert und integriert ist, und sich einer kohärenten, kompakten und essentialistischen Definition von menschlicher Autonomie gefügt hat. Es wurde stattdessen vorgeschlagen, dass das Hauptanliegen der Gruppe eher ein Studium der sich wandelnden Dynamiken westlichen Gedankenguts sein könnte, und den Autonomiebegriff als ein embryonales Konzept in einem Prozess der Formation zu behandeln, um diesen somit für Konfrontation und Auseinandersetzung zu öffnen.

Es wurde eingebracht, dass DenkerInnen über verschiedene muslimische Zusammenhänge hinweg, durch Literatur, Poesie, Kunst und Philosophie, Themen in Bezug zu Autonomie diskutiert haben. Während dieses Diskussionslevel einige Elemente und Aspekte der Autonomie artikuliert hat, wurde noch kein Diskussionslevel erreicht, in dem Autonomie als definiertes und realisierbares Konzept ausgedrückt wird. Auf diesen Debatten aufbauend könnte es möglich sein, ein artikuliertes Konzept der Autonomie zu entwickeln, welches endogen ist vor dem Hintergrund der verschiedenen muslimischen Kontexten. Zudem könnte dadurch auch eine Diskussion in Gang gebracht werden, über Möglichkeiten des gesellschaftlichen Erkennens eben dieser Autonomie.

Im Anschluss daran referierte Ghulam Abbas über die skripuralen Perspektiven der Autonomie des Menschen. Er konzentrierte sich auf die Dimensionen des Qur‘anischen Diskurses, der menschliche intellektuelle Autonomie unterstützt, in dem er zum Denken und zur Reflexion ermutigt. Ghulam Abbas erörterte, dass wenigstens acht Level des Qur‘ans menschliche Vernunft anregen, und dies als Aspekte der menschlichen Autonomie bezeichnet werden könnte.

Es wurde ebenso hervorgehoben dass der Qur‘an verschiedenartige Ansätze zu individueller Vernunft des Menschen hat. Somit wird eine vielzahl an Diskursen gefüttert, die manchmal den Anschein haben, im Konflikt zueinander zu stehen, und somit paradox oder sogar widersprüchlich in Bezug auf das Ermutigen bzw. Entmudigen menschlichen Denkens und Reflexion erscheinen. Das kann als einer der Gründe bezeichnet werden, dass der Qur‘an die Quelle der Inspiration für alle Orientierungskategorien ist, angefangen bei radikal-traditionalistischen bis hin zu modernen intellektuellen Tradionen. Diese Erwägungen öffnen Wege, um die Autonomie des Menschen hinsichtlich der semantischen und hermeneutischen Ansätze der Qur‘anischen Diskurse zu untersuchen. In dieser Beziehung wurden auch die Begriffe des Denkens und des Aq‘al (Intellekt) mit in die Überlegungen mit eingebracht.

Die Sitzung fand ihren Abschluss in der Betonung auf die Entdeckung des intellektuellen Autonomiebegriffs, während die ergiebigen Diskurse des Qur‘ans im Blick gehalten wurde.